Die Kinder stärken statt verängstigen

Vorfälle von Kindern, die nahe der Schulanlage Klosterguet von einem Fremden angesprochen worden sind, hinterlassen besonders bei Familien ein flaues Gefühl im Magen. Was der Schulleiter dazu sagt.

Matthias Haas, auf den ersten Vorfall, bei dem ein fremder Mann aus seinem Auto einen Jungen ansprach und ihm sagte, er solle ihn im Auftrag der Mutter abholen, folgten weitere Fälle von angesprochenen Kindern. Wie ist die Stimmung an ihrer Schule?

Das Personal hat von Anfang an Ruhe bewahrt, ist aber aufmerksam. Das Team wurde sofort von mir informiert, mit dem Auftrag, die Vorfälle mit den Kindern zu thematisieren. Auch die Behörden sowie benachbarte Schulen wurden gleich in Kenntnis gesetzt, und die Teams von Schulsozialarbeit sowie die Kriseninterventionsgruppe des schulpsychologischen Dienstes sind in solchen Fällen bei Bedarf zur Stelle. Die Eltern bekamen die Nachricht per Schul-App, sie sollten Bescheid wissen, bevor die Kinder sich am Mittag auf den Heimweg machten.

Und wie reagierten die Kinder?

Es war Verunsicherung zu spüren, die Kinder hatten viele Fragen. Sie wollten wissen, wie der Mann aussah, warum er Kinder mitnehmen will, was er mit ihnen machen würde.

Fragen, mit denen sich auch die Erziehungsberechtigten auseinandersetzen müssen. Wie antwortet man da kindgerecht?

Man kann nichts Konkretes dazu sagen, weil man es ja nicht weiss. Aber grundsätzlich gilt: Niemand darf einen Menschen gegen seinen Willen mitnehmen.

Was für Anliegen haben die Erwachsenen, die sich bei ihnen gemeldet haben?

Die meisten Eltern haben vor allem nach Täterbeschreibungen gefragt. Dies ist aber Sache der Strafermittlungsbehörde, sonst könnten Unschuldige unter Generalverdacht geraten.

Die Nachricht über die Vorfälle rund ums Klosterguet verbreitete sich wie ein Lauffeuer über Medienberichte und Social Media. Die Polizei hat jedoch über verschiedene Kanäle ausdrücklich dazu aufgerufen, keine Täterbeschreibungen zu teilen. Warum?

Weil es zu noch mehr Verunsicherung führt, wenn sich solche Meldungen häufen, vielleicht noch mit anderem in Verbindung gebracht und auf unqualifizierte Weise weiterverbreitet werden. Die Meldungen sind Sache der Polizei, mit der wir früh in Kontakt waren. Sie kommuniziert fachgerecht und unter Berücksichtigung der Ermittlungen.

Apropos Präsenz auf den Schulwegen: Die Sorge der Erziehungsberechtigten ist gross. Das zeigt sich nach den Vorfällen vor und nach den Unterrichtszeiten deutlich im Quartier rund ums Schulhaus: Dort sind vermehrt erwachsene Begleitpersonen zu sehen – sowohl zu Fuss als auch per Auto.

Unsere ursprüngliche Intention war es, mit dem Elternbrief und der Broschüre der Polizei sofort zu informieren und die Familien für das Thema zu sensibilisieren, ohne jedoch Ängste zu schüren. Mit Elterntaxis und Patrouillen zu Fuss nahm das Ganze dann ein Ausmass an, das nicht mehr gesund ist – zumal mit dem vermehrten Verkehr andere Gefahren einhergehen. Es kommt in jeder Wintersaison mal vor, dass Kinder ähnliche Erlebnisse schildern, meistens sind es eher vage Aussagen zu Beobachtungen von einem «Mann im Auto am Schulweg». Diesmal war es nun ein ganz konkreter Vorfall, was wohl die grosse Beunruhigung erklärt.

Die Kinder für das Thema «sensibilisieren» – was heisst das konkret?

Wichtig ist, den Kindern Handlungsmöglichkeiten zu geben, statt ihnen Angst zu machen: Sie sollen so weit möglich nicht allein gehen, immer den gleichen Weg nehmen, abgemachte Zeiten einhalten. Zudem gibt es Sicherheit, mit den Kindern «sichere Inseln» am Weg zu besprechen, wo sie im Notfall klingeln können.

Und wenn die Angst der Eltern um ihre Kinder doch stärker ist?

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wir müssen die Kinder stärken, ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, damit sie ihren Weg machen können. Den Kindern die eigene Angst zu übertragen, erschwert es ihnen, in die eigene Verantwortung zu kommen.

Was bedeuten die Fälle für den fortlaufenden Schulbetrieb?

Nach der Krise ist vor der Krise. Wir reflektieren die Fälle und unser Vorgehen gründlich. Eine Krise ist auch eine Chance: Indem wir ihr keine Macht verleihen, sondern sie bearbeiten und ins gute Kehren: zum Beispiel, wenn Kinder gegenseitig aufeinander schauen und sich für den Schulweg verabreden.

Bildlegende:

Er wurde in den vergangenen Tagen vermehrt von besorgten Eltern kontaktiert: Schulleiter Matthias Haas.

Ratgeber der Polizei: https://www.sg.ch/news/sgch_kantonspolizei/2019/04/kapo-ratgeber–kinder-alleine-unterwegs.html

Beitrag teilen: